Demetrius Degen - Seminarleiter und Autor


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37, Die weise Krähe

Die Ur-Krähe hat das Eskimoland erschaffen.  Als sie die Insel Nunivak ziemlich fertiggestellt hatte, wollte ihr Helfer, der Ur-Nerz, auf der Südseite einen großen Berg aufschütten.  Er sagte:

"Er soll dem Geschlecht der Eskimos, die hier künftig wohnen, zu dauernder Freude dienen.  Er wird eine besondere Kraft haben.  Die alten Männer und Frauen sollen auf ihn gebracht werden.  Wenn sie dann den Abhang hinunterrollen, werden sie junger und jünger werden, und wenn sie unten ankommen, mögen sie wieder Kinder sein."

"Das wäre nicht gut!" erwiderte die Krähe, "denn bedenke: wenn niemand stirbt und außerdem immer neue Menschen geboren werden, so wird bald zuviel Volk sein, und man wird nicht genug zu essen haben."

"Ich wüßte einen Ausweg", schlug der Nerz vor, "Wir verwandeln alle Eisberge in Talg und füllen die vielen Teiche und Seen mit Tran!"

"Das dürfen wir den Menschen nicht antun!" lehnte die Krähe entschieden ab, "denn sie müssen sich ihre Nahrung erarbeiten, sonst werden sie schlecht"

FABEL DER ESKIMOS
 
 

38, Der Lockvogel

Ein Vogelsteller hatte seinen Herd bereitet und einen Lockvogel dazugesetzt, der vortrefflich singen konnte.

Die Vögel in der Nachbarschaft hörten diesen Gesang, flogen herbei und sprachen: "Was für ein Überfluß von Speisen hier liegt!  Und wie freundlich uns unser Geselle, dem selbst so wohl ist, dazu einlädt! Wir wollen die gute Gelegenheit benutzen!"

Kaum hatten sie zu fressen angefangen, so fiel das Garn, und sie verloren Freiheit und Leben.

Ein Vogel nur hatte sich entfernt gehalten, und der Lockvogel rief ihm zu: "Wer hat dich allein so klug gemacht, daß du nicht näher kommst?"

"Eine einfache Lehre meines Vaters! - Sohn', sagte er oft, wenn man dir einen Vorteil zeigt, gar so groß und gar so leicht zu erlangen, so hüte dich; denn gemeiniglich liegt Betrug im Hinterhaltel"'

AUGUST GOTTLIEB MFISSNER (1753-1807)
 
 
 

39, Das Fell des Bären

Zwei Freunde, beide knapp bei Kasse, besuchen in der nächsten Gasse den Kürschner, und sie bieten an zum Kauf ein Bärenfell dem Mann.  Der fragt: "Wo ist das Fell, Ihr Herren?" "Das, Meister, laßt Euch gar nicht scheren, den Pelz, den sehet Ihr sehr bald ! Der Bär?  Der streift jetzt noch im Wald, doch ist er unser, dieser Bär, solch schönen gibt es nimmermehr! Und wir sind beide beste Jäger, berühmt als Ungetümserleger.  Schon morgen sind wir hier zurück und bringen Euch das teure Stück.  Sechs Mäntel, Meister, macht Ihr draus, nun bitte, zahlt den Preis uns aus!" 
Der Kürschner wird nicht gern geprellt: "Bringt erst den Pelz, dann kriegt Ihr Geld!"

Drauf zieh'n die beiden in den Wald, und wirklich kommt der Bär auch bald.  Das Herz rutscht ihnen in die Hosen, sie stehen da wie die Mimosen.  Das Ungetüm naht mit Gebrumm.
Was tun? ... Der erste, gar nicht dumm, erinnert sich, er hab gelesen, ein Bär hätt' Scheu vor toten Wesen.  So fällt er um, liegt starr und still.  Der andere, überlegt nicht viel, sieht sich rasch um; man glaubt es kaum, erklettert flink den höchsten Baum.

Schon ist auch da der grimme Bär.  Er merkt nicht den im Baumeswipfel, und der da liegt, reizt sein Begehr; beschnuppernd prüft er jeden Zipfel des Mannes, der da auf dem Grund des Waldes liegt, verweilt am Mund, zu spüren, ob er atme noch.
"Potz Blitz, er riecht schon aus dem Loch!" Der Bär sich wendet schüttelnd um, trabt in den Waldweg mit Gebrumm.

Da kommt der Mann vom Baum herunter, reibt sich die Hosen und spricht munter: "Welch Abenteuer, lieber Freund, bestanden brav wir, treu vereinte Doch was - ein Zweig hat grad geknistert hat dir das Biest ins Ohr geflüstert?"

"Ein Fell man nicht zu Markte trägt, bevor den Bären man erlegt!"

JEAN DE LAFONTAINE (1621-1695)
 
 

40, Hamster und Ameise

"Ihr armseligen Ameisen", sagte ein Hamster, "verlohnt es sich der Mühe, daß ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein so weniges einzusammeln?  Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet!"

"Höre", antwortete eine Ameise, "wenn er größer ist, als du ihn brauchst, so ist es schon recht, daß die Menschen dir nachgraben, deine Scheuern ausleeren und dich deinen räuberischen Geiz mit dem Leben büßen lassen!"

GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (1729-1781)
 

 

 

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