Demetrius Degen - Seminarleiter und Autor


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Briefe zur Sparsamkeit und Bescheidenheid.

EIN großer Geist findet auch in seinem eigenen Hause Gelegenheit, sich zu entwickeln.  Nicht nur der nützt dem Staate, der Ämtersuchende fördert, Beklagte in Schutz nimmt, über Krieg und Frieden urteilt, sondern auch der, der die Jugend ermuntert, bei dem gegenwärtigen Mangel guter Lehrer die Gemüter mit Tugend ausrüstet und die dem Gelde wie der Verschwendung Nachstürzenden ergreift und zurückzieht ... Das beste Maß im Umgang mit Geld ist, sich nicht weit von der Armut zu entfernen, jedoch auch nicht zu ihr herabzusinken.  Dieses Maß wird uns gefallen, wenn wir zuvor an der Sparsamkeit Gefallen gefunden haben, ohne die auch die größten Schätze nicht ausreichen.  Und die Armut selbst sie läßt sich durch Haushalten in Reichtum verwandeln.

SENECA an den Annaeus Severus, 
Hauptmann der Leibwache des Kaisers

 


 

Lieber junger Freund!

PLATO untersagt in seinen "Gesetzen", sich beim Nachbarn Wasser zu schöpfen, wenn man nicht auf seinem eigenen Grundstück vorher bis zur Tonschicht vergeblich hinuntergegraben hat ... Er fordert also, daß man fremdes Wasser nur dann nutzen dürfe, wenn man sich eigenes nicht beschaffen kann, denn nur Notleidenden soll nach dem Gesetz in solchem Fall Hilfe geschafft werden. - Ein solches Gesetz müßte es auch in bezug auf Geld geben: ein Verbot, beim Nachbarn zu borgen,. .. bevor man daheim alle eigenen Möglichkeiten erschöpft und die letzten Tropfen eigenen Könnens zusammengegossen hat. - Heutzutage aber greift mancher in gedankenloser Bequemlichkeit oder ungezügelter Verschwendungssucht nicht auf das eigene vorhandene Vermögen zurück, sondern borgt zu hohen Zinsen, ohne es eigentlich nötig zu haben ... Warum willst Du Dich denn vor einem Wechsler oder Geschäftsmann klein machen?  Wir müssen alles Unnütze von Tisch und Bett und Wagen, aus unserer ganzen Lebenshaltung verbannen, um uns unsere Freiheit zu retten ...

PLUTARCH (46-I25)
an Paccius

Mein lieber Andres,

wir haben einen recht lustigen Tag gehabt.  Du weißt wohl, ich habe vieles nicht, aber 'n Geburtstag hab ich doch, und der ist gefeiert worden.  Des Morgens vor Sonnenaufgang las ich 'n Kapitel in der Bibel, legte drauf meine rote Weste an, die ich in Japan bei der Audienz anhatte, und sah darin die Sonne aufgehen, und weckte denn alle Leut' im Hause.  Eine Stunde darauf feuert' ich 'n Pistolenschuß los.  Nachdem nun solchermaßen dem Publiko war kund getan worden, was den Tag werden sollte, waren wir einige Stunden ganz stille, den Effekt davon abzuwarten; doch wuschen wir uns während der Zeit alle im klaren Bad das Gesicht, damit es recht fröhlich aussehe, und gingen 'n kleines am Bach auf und nieder.

Um sieben Uhr ward 'n Signal gegeben, daß das Frühstück parat sei, und wir züngelten 'n wenig, und nach dem Frühstück ging's Glückwünschen an. Von den fünf Geburtstagsleuten war einer und ich gegenwärtig, die drei andern aber nicht.  Wir beide empfingen also von der ganzen Gesellschaft einen Glückwunsch und Handschlag.  Die Abwesenden aber wurden mit Kreide auf den Tisch gemalt, und 'n jeder von der Gesellschaft machte 'n Strich zu ihren Füßen.  Weiter wurden nun allerhand Gespräche von Geburtstägen geführt, Geschichten erzählt, Fragen aufgegeben, z. Ex. warum 'n Geburtstag nur alle Jahre einmal kömmt usw.

Um zwölf Uhr ward zur Tafel geblasen, und weil gerade keine Trompeten und Pauken zur Hand waren, mußte ich's auf'rn Triangel tun.  Die Tafel war von acht Kuverts und drei Gängen.  Zuerst Reisbrei in einer großen Schale mitten auf dem Tisch, und nach kurzer Weile auch auf acht Teller rund um die Schale; denn kam Butter und Kalbfleisch; und zuletzt Kuchen.  Du siehst draus, daß wir hoch schmausten; zugleich kannst Du aber daraus sehen, daß der Luxus seit Abrahams Zeit um ein Drittel gestiegen ist.  Mein Vetter spendierte auch einige Flaschen guten Wein, die denn gewaltig wirkten und vor Gesundheiten, die aus dem Munde herauskamen, kaum hineinkommen konnten, und die Pistole brummte immer drein und zerarbeitete sich recht.  Nach der Tafel ward von jung und alt eine große Promenade in den Wald vorgenommen.  Die Schapoos machten bei der Gelegenheit allerhand Sprünge wie die Ziegenböcke, und die Weibsleute kramten mit Blumen.

Um fünf Uhr kamen wir wieder zu Hause, und ward gleich Order gegeben, daß die Oper angehen sollte.  Sie war von meinem Vetter und führte den Titel: Ahasverus und Mardochai.  Es war eigentlich eine Wandoper, die so mit einem Stock an der Wand vorgestellt wird, und erhielt allgemeinen Beifall.

Nach der Oper wurden Bäume gepflanzt, damit die Kinder und Kindeskinder sich dabei dieses Tages erinnerten, und sich von den vier Gevattern und der Pistole und der Oper Ahasverus und Mardochai erzählten.

Abends war wieder Grand Souper von Kartoffeln und Kaltenhöfer Bier; und damit wars alle, wirst Du denken.  Das dacht' ich auch; aber höre weiter.  Es hatte schon den ganzen Tag gemunkelt, daß 'n Feuerwerk abgebrannt werden sollte; nun ward es aber hautement deklariert, und die ganze Gesellschaft begab sich in Prozession hinten in meines Vetters Garten das Feuerwerk anzusehen.  Es bestand aus einem Petermännchen von anderthalb Zoll und reüssierte ungemein.  Um 10 Uhr 8 Minuten ging das Feuerwerk an, und währte bis 10 Uhr 8 1/3 Minute. - Du lachst Andres?  Hör', das Groß und Viel tuts nicht immer, und ich schwöre Dir, daß der Groß-Sultan, wenn er an seinem Geburtstag ein Feuerwerk von 2oooo Löwenthaler abbrennen läßt, nicht vergnügter sein kann, als wir bei dem Petermännchen von anderthalb Zoll waren.  Der Mensch ist gottlob so gebaut, daß er mit anderthalb Zoll recht glücklich sein kann, und wenn das die Leute nur redet wüßten, so würde 'n großer Teil Ach und Weh weniger in der Welt sein.  Da mischen sich aber gleich Eitelkeit und Stolz ein, und die hemmen allen Genuß, und das ist ein großes Unglück.  Um elf Uhr gingen wir zu Bett, und schliefen flugs und fröhlich ein.

MATTHIAS CLAUDIUS (I740-I8'5)

an Andres, im August I777
 


 

MEIN ETAT, auf den ich halten muß, wenn ich am Ende des Jahres nicht selbst gegen andere Verbindlichkeiten haben will, . . . erlaubt mir nicht, das mindeste über die 2oo Taler für Sie zu tun ... Damit suchen Sie auszukommen - jeder Mensch hat seine Pflicht.

Wenn Sie von irgend jemand borgten, würde es mir sehr unangenehm sein.  Eben diese unselige Unruhe, die Sie jetzt martert, hat das Unglück Ihres ganzen Lebens gemacht.  Sie sind mit 1ooo Talern nie zufriedener gewesen als jetzt mit den 2oo, weil Ihnen immer noch etwas zu wünschen übrig blieb und Sie sich nie gewöhnt haben, Ihre Seele in den Grenzen der Notwendigkeit zu halten ...

Schränken Sie sich ein!  Das Muß ist hart, aber beim Muß allein kann der Mensch zeigen, wie's inwendig mit ihm steht.  Willkürlich leben kann jeder!

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749-1832)
an Krafft, am 3 1. Januar I 7 8 I

 

NICHT das hitzige Arbeiten verbessert unsere zeitlichen Umstände.  Wenn Sie dann das Mehrverdiente in der Haushaltung verbrauchen, so bleibt doch nichts übrig.  Sparsamkeit, Einschränkung des (Überflüssigen (der Verdiener kommt dabei gewöhnlich am wenigsten zum Genusse!), das setzt uns in den Stand, mit größerer Gemächlichkeit, d. h. vernünftiger, bedachtsamer, naturgemäßer, heiterer, ruhiger, gesünder zu leben.  Das wird doch wohl lobenswerter, wird wohl weiser und klüger gehandelt sein, als das atemlose Überjagen und Überspannen unserer Nerven, das ... zur Zerrüttung des kostbarsten Schatzes unseres Lebens, des frohen ruhigen Mutes und der Gesundheit, führt.  Zu genießen, durch Körper und Geist in Ruhe zu genießen, dazu ist der Mensch auf dieser Erde, und dabei nur soviel zu arbeiten (nicht sich zu schinden), daß jene Genüsse herbeigeschafft werden können.  Das ewige Drängen und Treiben der blinden Menschen, um so und so viel zu erwerben, . . . ist der gewöhnliche Ruin unserer wahren Wohlfahrt, ist die gewöhnliche Ursache, daß junge Leute vor der Zeit altern und sterben. . .

Und wenn Sie die letzten 2 Groschen in der Tasche haben, auch da seien Sie froh und heiter ...

Wieviel brauchen wir Menschen denn, um zu leben, um unsere Kräfte durch Speise und Trank zu ersetzen, um uns vor Frost und Hitze zu schützen?  Wenig mehr als guten Mut. - Der Weise bedarf wenig!  Ersparte Kräfte brauchen nicht durch Arzneien ersetzt zu werden.
 

DR. SAMUEL HAHNEMANN (i755-i843),
der Begründer der Homöopathie, an einen seiner Patienten in Gotha, im Jahre 18oo

ICH werde diesem Briefe eine Anweisung ... auf 3oo Taler beilegen.  Damit haltet haus ... Zwar ist es freilich hart, daß man das, was man soeben mühselig verdient hat, gleich wieder hergeben soll; indessen muß man schon zufrieden sein, daß man es verdienen konnte ... Ich habe soviel von Euren Schicksalen gehört, daß ich gern zahlen will, ohne gelitten zu haben, da ich doch, wenn ich mitgelitten hätte, darüber auch noch zahlen müßte.

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
an Christiane, am 6. Juli 18I3


 

ICH MUß Ihnen aufrichtig sagen, daß mir Ihre Weise, wie Sie Ihr Geschäftsleben treiben, nicht gefällt.  Des Morgens stehen Sie nach meinem Maßstab, wie ich den Tag berechne, wenigstens um drei Stunden zu spät auf.  Für Sie gibt es daher gar keinen Morgen, sondern nur einen kleinen Rest vom Vormittag, und geschieht um so weniger, weil Sie manche Convenienz-Besuche und eine tägliche Visiten-Jagd in zehn Häusern für notwendig halten.  Nach Tische glauben Sie nicht arbeiten zu dürfen, weil es Ihnen nachteilig sein könnte.  Ich halte es für die Gesundheit viel schädlicher, vier Stunden am Spieltische zu sitzen als sechs am Arbeitstische.  Des Abends gehört das Theater und nach demselben noch der Besuch eines Gasthauses unter Ihre Bedürfnisse, und nun eine Stunde vor Mitternacht fangen Sie mit allem Ernste zu arbeiten an, und klagen über das Gedränge von Geschäften, dem Sie halbe und ganze Nächte aufopfern müssen, und welches Ihnen, wie Sie sich ausdrucken, Gesundheit und Leben kostet.  Nicht die Arbeit, sondern Ihre Methode zu arbeiten und die unrichtige Lebensordnung bringen Sie um Gesundheit und Leben, ohne daß Ihnen der Staat oder jemand in der Welt dafür Dank weiß, und während andere, welche wichtigere und mehr Geschäfte haben, gesund bleiben, und selbst an der Arbeit eines der Mittel zur Erhärtung der Gesundheit finden.  Ihre Acten und Bücher liegen immer in der größten Unordnung umher, und manche Stunde muß unnötig verschwendet werden, um irgend ein Papier zu finden, wodurch Sie dann auch ganz unnötig in Ärger kommen.  Den Augen ist das Lesen und Schreiben beim Kerzenlicht oder bei der Lampe ebenso schädlich als überhaupt das Nachtarbeiten der ganzen Gesundheit.

Sie sind zwar nicht der Einzige, der eine unrichtige Manipulation in Beschäftigungen ergriffen hat.  Ich kenne mehrere Geschäftsmänner und auch Hausfrauen, welche in ihren Sachen durchaus nichts in Ordnung halten können und bei ihren, an sich nicht anstrengenden Verrichtungen immer im eigentlichsten Sinne zappeln, stets im Gedränge und Gewühle sind ' und sich am Ende zu Tode arbeiten, ohne gearbeitet zu haben.

Nur wer sich in allen seinen Geschäften an Ordnung und Leichtigkeit gewöhnet, dieselben, wenn es auch noch so Vieles zu tun gibt, und alle Geistesunruhe vermeidet, kann unglaublich viel, anhaltend und ohne allen Nachteil für seine Gesundheit arbeiten.

Bringen Sie Ihre Schriften in die genaueste Ordnung, so daß Sie, wenn etwas zu suchen ist, alles augenblicklich finden.

Stehen Sie frühe auf und gehen Sie beizeiten zu Bette.  Wenn Sie am Tage hinlänglich fleißig arbeiten, brauchen Sie die Nacht nicht dazu.  Ich gönne Ihnen, obwohl in meine Hände das ganze Jahr über keine Karte kommt, Ihre edle Passion des Spieles; aber es dürfte rätlicher sein, wenn Sie manchmal, statt sich an den Spieltisch zu pflanzen, eine Stunde Bewegung im Freien machen würden.

Was die Convenienz-Besuche betrifft, so muß ich Ihnen sagen, daß niemand inniger und aufrichtiger die Großen verehren kann als ich; aber, daß niemand sie weniger mit Aufwartungen belästigt als ich.  Die Herren sind ohnehin übermäßig mit Audienz geben belästigst; warum ihre Plage vermehren?  Sie und ich haben nichts zu sollizitieren.  Denen, die am Steuerruder des Staates sitzen, beweiset man Ergebenheit und Anhänglichkeit am richtigsten, wenn man ihre Aufträge erfüllt und seinen Obliegenheiten ordentlich und redlich nachkommt...

CLEMENS ALOIS BAADER (i762-I838)
an Herrn H.

 

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