Demetrius Degen - Seminarleiter und Autor


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Anekdoten zur Sparsamkeit und Bescheidenheit.

Platonisch
 

DER  KÖNIGSBERGER  PHILOSOPH IMMANUEL  KANT (1724 bis 1804) saß an der Tafel neben einer Dame, von der er wußte, daß sie für ihre Garderobe weit über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse ausgab; Mann und Kinder mußten darunter leiden.
Als man eine Weile gesellschaftlich - leicht über die großen griechischen Philosophen diskutiert hatte, hob Kant in einer Pause lächelnd sein Glas und wandte sieh zur Nachbarin:

"Sie sind sicher doch auch eine große Verehrerin des einmaligen Plato?" "Allerdings!" antwortete die Dame geschmeichelt, "aber wie kommen Sie darauf?"
"Nun, meine Liebe, ich habe gehört, daß Sie offenbar nach dem Grundsatz dieses auch von mir verehrten Mannes leben: erst der Staat, dann die Familie . . ."

 

Das Geheimnis

ERNST ABBE (184o bis 1905), der Mitbegründer der Zeiss-Werke, war von 1863 bis 1870 Privatdozent für Naturwissenschaften in Jena.  Das waren "sieben magere Jahre".  Gehalt bezog er nicht, und als Sohn eines Spinners hatte er natürlich an der Familie keinen finanziellen Rückhalt.  Geringe Kolleggelder und die kärglichen Einnahmen aus Artikelschreiben und Privatunterricht aber genügten dem "Lebenskünstler", sich über Wasser zu halten.
Einmal wunderte sich ein Professor im Gespräch mit dem Universitätskurator Seebeck: "Wovon lebt dieser Kollege Abbe eigentlich?  Dahinter muß doch irgendein Geheimnis stecken!"

Seebeck, der Abbes Verhältnisse genau kannte und ihm hin und wieder ein kleines Stipendium zuzuschanzen verstand, erwiderte in einem Ton, der vor Hochachtung schwang:
"Herr Abbe besitzt die wertvolle Eigenschaft, daß er bei noch so beschränkten Existenzmitteln noch beschränktere Bedürfnisse hat.  Studenten, die ihn aus Besuchen kennen, haben ihm den Titel verliehen: Privatdozent für Diogenesweisheit."

 

Almosen

IWAN SERGEJEWITSCH TURGFNTEW (1818 bis 1883), der russische Dichter mit dem tieffühlenden Herzen, wurde auf der Straße von einem Bettler um ein Almosen angesprochen.  Als er seine Taschen gründlich, aber ohne Erfolg durchsucht hatte, entschuldigte er sich betrübt:
"Brüderchen, ich habe wirklich nichts bei mir; somit kann ich dir leider nichts geben!"

"Aber ich danke dir von Herzen, mein Bruder!" bedankte sieh der Bettler.  "Wofür denn?" staunte Turgenjew, "hast doch von mir gar nichts gekriegt?"

"0 doch, Bruder!  Deine Gabe war reich und schön, du hast mir ehrlich helfen wollen!"

Der billige Photoapparat

DER MANN, der im Jahre 1886 das erste Auto laufen ließ, der Ingenieur Carl Benz (I844 bis 1929), mußte sich als Student am Karlsruher Polytechnikum schlecht und recht "durchwürgen", wie es in der Fachsprache heißt; denn sein Vater war als Lokomotivführer sehr jung gestorben, und die Mutter konnte ihm von der kargen Pension nur Taler, die sie sich im wahrsten Sinne vom Munde abgespart hatte, zur Verfügung stellen.  Dennoch waren die Taschen des Studiosus Carl niemals ganz leer, und er war immer vergnügt, weil er schon früh ein großer Lebenskünstler war.
Als ihn zwei Freunde einmal auf seiner "Bude" besuchten, wollten sie ihren Augen nicht trauen: schon immer schwärmte Carl vom Photographieren, und nun, wahrhaftig, da stand auf seinem sauber hergerichteten Tisch wie das Prunkstück in einer Ausstellung, von Blumen umgeben, ein neuer großer Apparat!

"Menschenskind, Carl, wie kommst du dazu?  Ist ein Erbonkel in Amerika gestorben?  Kostet doch ein Vermögen, solch Stück?"

"Ach was!" lachte Benz stolz und wehrte den beiden, daß sie die "Camera obscura" nicht ungeschickt anfassen sollten, "hat ja doch nur Groschen gekostet!"

"Du willst uns wohl verulken?  Da such dir andere aus!" Mit verlegenem Lächeln standen sie da.

"Aber nicht doch!  Tatsächlich nur Groschen!  Ich habe nämlich solch kleine Dinger, wie ihr sie verraucht und vertrinkt, ein Jahr lang zusammengespart!"

Blick in die Zukunft

EINES ABENDS plauderte der Dichter August Strindberg (1849 bis 1912) Mit einigen Freunden in einer Weinstube.  Es war nicht mehr das erste Glas, und doch wurde er plötzlich ernst, zog seine Geldbörse hervor, öffnete sie und starrte lange und nachdenklich hinein.
"Was hast du denn?" fragten endlich die Freunde.

"lch sehe nur nach, ob ich noch Durst habe!"

Nütze die Zeit

"ZEIT" ist im alltäglichen Sinne ein Begriff, dessen sehr relativer Wert von dem Verhältnis abhängt, das der einzelne Mensch zu ihr hat: der eine vertrödelt sie am liebsten, die meisten wissen mit ihr nur unter bestimmten Umständen etwas anzufangen, manche aber münzen jeden Augenblick aus.  Dem Relativitätsmeister Albert Einstein (1879 bis 1955) galt die Zeit als unbedingt praktischer Wert.
Während der Berliner Jahre erhielt er den Besuch eines Kollegen aus Prag, der gern mit ihm zusammen das Potsdamer Observatorium besichtigen wollte.  Einstein schlug vor, man wolle sich auf einer Brücke in der Havelresidenz treffen.

"Aber für Pünktlichkeit kann ich nicht garantieren, denn ich bin mit den hiesigen Verhältnissen nicht vertraut", wandte der Gast ein.  "Mir täte es recht leid, wenn Sie Ihre kostbare Zeit mit Warten verlieren sollten!"

"Zeit verlieren?  Warum?!" Einstein schüttelte lächelnd den struppigen Kopf: "Meine Arbeit besteht im Denken; und kann ich auf der Potsdamer Brücke nicht genau so gut nachdenken wie zu Hause?  Also lassen wir es dabei!"

 

Schöne Aussichten

EIN SCHWÄBISCHER PFARRER, saß auf einer ärmlichen Dienststelle.  Die Gemeinde war wenig zahlreich und setzte sich in der Hauptsache aus kleinen Obstbauern zusammen.  Aber die Dienstwohnung hatte eine geradezu wundervolle Lage.  Frei auf einem kleinen Hügel erbaut, bot sie von großen Fenstern nach zwei Seiten eine überraschend schöne Aussieht über die wenige Ebene hinweg bis hin zu fernen Bergen.
Dieser Pfarrer wurde einmal von höherer Stelle revidiert.  Als die Amtsgeschäfte erledigt waren, nahm der hohe Herr in der Dienstwohnung eine kleine Stärkung.  Dabei bemerkte er den herrlichen Ausblick.  Nachdem er sich darüber recht anerkennend ausgesprochen hatte, fragte er:

"Und was bringt die Stelle Ihnen an Einkommen?" "24oo Gulden."
Der Gast erstaunte und wünschte nähere Aufklärung.

Mit 1ooo Gulden veranschlage ich die Aussicht von diesem Fenster hier, und weitere 1ooo Gulden ist mir der Blick dort hinaus pro Jahr wert, Der Rest kommt in bar ein."
 
 


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